Immer nur schädlich?

 

„Das Rehwild und sein Einfluss auf die Waldverjüngung“

Vortrag auf der Bäldleschwaige

 

 

 

Mit der ersten Strophe des fast 150 Jahre alten Gedichts des königlichen Oberförsters Oskar von Riesenthal „Waidmanns Heil“ begrüßte Jägervorsitzender Robert Oberfrank die mehr als 130 Jägerinnen, Jäger, Forstwirte und Jagdvorsteher auf der Bäldleschwaige.

 

 

„Das ist des Jägers Ehrenschild,
dass er beschützt und hegt sein Wild,
waidmännisch jagt, wie sich’s gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt!“

 

 

Die Wildtierbiologin Dr. Christine Miller aus Rottach-Egern stellte hinsichtlich der Lebenszyklen und der Äsungs- und Verhaltensweisen des Rehwildes aktuelle Forschungsergebnisse vor. Sie machte deutlich, dass ein Pflanzenbiotop wie der Wald auch mit Pflanzenfressern leben muss und nicht jeder Verbiss automatisch ein Schaden ist. „Statt am grünen Tisch zu streiten, muss über langfristige Lösungen gesprochen werden“, forderte sie und betont:

 

„Mit Blick auf das Rehwild müssen Jäger und Förster, die sich nicht immer ganz grün sind, ehrlicher miteinander umgehen und sich von überzogenen Wunschvorstellungen verabschieden“.

 

Wenn ein Reh seinen Hunger stillt, dann beginne der Ärger. Denn Jäger und Förster stritten immer wieder erbittert darüber, ob das normale Knospenzupfen des kleinen Pflanzenfressers sofort als Schaden gewertet wird und wie in der Folge mit diesem Wildtier umzugehen sei.

 

„Missstände gehören aufgedeckt und tierschutzwidrige Jagdpraktiken eingestellt.“, so ihr Credo.

 

 

Problem Klimawandel

 

Auch wenn das Rehwild, ebenso wie die Wildschweine, in den vergangenen Jahren zu den Gewinnern des Waldumbaus gehörten, könnte sich dies jedoch mit fortschreitendem Klimawandel ändern. Erst einmal profitiert das Rehwild durch ein Mehr an Pflanzenwachstum. Dies hilft dem Rehwild in seiner Fitness und Gesundheit. Sollte es jedoch wiederholt so trockene und heiße Sommer wie 2018 geben, wirkt sich dies negativ auf das Jungwild aus. Geißen produzieren durch die trockene und vitaminarme Äsung nur wenig Muttermilch. Dies führt wiederum zu Ausfällen von Rehkitzen.

 

Durch die Stürme in den letzten 25 Jahren ist eine großflächige Verjüngung im Wald erst möglich geworden. Ein gesunder Wald bedeutet auch gesundes Wild. Fazit der Expertin: „Gesunde Wälder, die viel Nahrung und Deckung bieten, vertragen auch viele Rehe“.

 

Dort, wo junge Bäumchen besonders anfällig sind, sollte man mit verschiedenen Maßnahmen Hilfestellung geben. „Immer nur den Abschuss zu erhöhen – diese Lösung ist zu billig. Sie ist auch nicht unbedingt legal und bringt nicht automatisch den gewünschten Erfolg“, so Miller.

 

„Auch Rehwild muss sich natürlich verhalten können, braucht artgerechte Sozialstrukturen. Der Gesetzgeber fordert das von Jägern und Jagdverwaltung – in der Praxis wird das jedoch kaum berücksichtigt.“

 

Eine der Ursachen für den unmäßigen Jagddruck auf die Rehe ist in den Augen Millers das sogenannte Verbissgutachten. „Einseitig, ungesetzlich und so notwendig wie ein Kropf an einer schönen Frau“, bezeichnet Dr. Miller dieses Gutachten.

 

„Die Aufnahmen von Pflanzen, an denen ein Pflanzenfresser gezupft hat, als Grundlage für die Abschussvorgaben ist völlig untauglich“. Auch erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Aussagekraft sind hier angebracht. Eines wird beim Vortrag von Frau Dr. Miller offensichtlich: Das Vegetationsgutachten ist alles, nur eines nicht: eine ganzheitliche Betrachtung. „Eine Beschäftigungstherapie für Heerscharen von Beamten bzw. deren Beauftragte“, so Miller. In keinem unserer Nachbarländer wird so ein teures, aber nichts sagendes Verfahren angewandt.

 

 

Verstöße gegen das Jagd- bzw. Tierschutzgesetz

 

„Hier muss ein Umdenken erfolgen“ so ihre Forderung. Auch die Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, die sich durch bestimmte Jagdmethoden eingeschliffen haben, dürfen von der Bevölkerung und der Jägerschaft nicht toleriert werden. „Hier müssen wir genau hinschauen und Straftaten (z.B. den „versehentlichen Rehbockabschuss“) konsequent zur Anzeige bringen!“

 

Aber auch übereifrige Jäger werden von ihr kritisiert: „Ich kann mir den Wildschaden auch selbst machen, z.B. dadurch, dass ich immer den Platzbock entnehme und so Verbiss- und Fegeschäden provoziere“, so Dr. Miller.

 

Mit dem Appell an alle Beteiligten, den Wald als Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren zu betrachten und nicht nur als Produktionsgebiet für Holzpflanzen, beendete sie ihren Vortrag, an den sich eine intensive Diskussion anschloss.

 

Jägervorsitzender Oberfrank rundete das Ganze mit dem Hinweis auf das Gedicht von Riesenthal ab und meinte: „Wenn sich alle Betroffenen und Beteiligten den Inhalt der Verse öfter zur Gemüte führen – und sich danach verhalten würden, dann wäre eigentlich alles gesagt und getan.“

 

 

R.O.