Das Reh – Tier des Jahres 2019

 


Die Deutsche Wildtierstiftung hat im Dezember das Reh zum „Tier des Jahres 2019“ ernannt, dies auch um auf die Probleme rund um den Lebensraum der Rehe aufmerksam zu machen.
Den meisten Menschen in unserem Land ist nur wenig über Rehe bekannt“,
sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Kinder halten es häufig für die „Frau des Rothirschen“ und leider sind auch immer weniger Erwachsene mit diesem Wildtier vertraut.

Auf der Suche nach Futter zupfen Rehe jetzt die letzten grünen Blätter von den Büschen oder scharren im Erdboden nach verbliebenen Früchten. Das Reh ist ein Kräuterprofi, der weiß, welche Pflanzen genießbar sind und welche nicht. Acht bis zwölfmal am Tag muss ein Reh fressen um satt zu werden. Nicht Gräser, sondern Kräuter, Blüten, Knospen und Triebe stehen auf der Speisekarte. Rehe sind scheu und folgen trotzdem den Menschen bis hinein in Gärten, Parkanlagen und Friedhöfe - immer auf der Suche nach Nahrung … und dies nicht zur Freude derer, die den unsäglichen Slogan „Wald vor Wild“ skandieren. 

 

Vegetationsgutachten erstellt

Viel Lob ernteten die bayerischen Jäger von Staatsministerin Michaela Kaniber bei der Vorstellung des Forstlichen Gutachtens im Agrarausschuss des Bayerischen Landtags. „Vielerorts in Bayern sind Wald und Wild miteinander im Einklang“ sagte die Forstministerin. Dies sei dem beispielhaften Einsatz von Jägern, Waldbesitzern und Forstleuten zu verdanken.

Seit 1986 prüft die Forstverwaltung in Bayern alle drei Jahre, ob der Wald sich gut verjüngt. Das heißt, ob junge Bäume in ausreichender Zahl nachwachsen oder ob die kleinen Fichten, Tannen, Buchen und Eichen so stark vom Wild verbissen werden, dass sie nicht hochkommen und der Nachwuchs fehlt.

Ergebnisse sind nur ein Anhaltspunkt

Begutachtet werden nicht die einzelnen Jagdreviere, sondern immer eine sogenannte Hegegemeinschaft, also ein Zusammenschluss mehrerer benachbarter Reviere. Die Ergebnisse dieses Gutachtens können der Jagdbehörde, den Jagdgenossen und den Jägern bei den Verhandlungen über die Abschussplanung als Anhaltspunkt dienen. Sie sind – laut Gesetz – aber  keine Vorgabe für die Höhe der Abschusszahlen.

„Für die Jäger im Landkreis Donauries ist ein durchmischter, gesunder Wald die beste Lebensgrundlage für die heimischen Wildarten, deshalb tun sie alles dafür, solche Waldstrukturen zu fördern.“, so Robert Oberfrank Vorsitzender des Jagdverbandes Donauwörth.

 

Der Blick sollte auf den Erfolg gerichtet sein – und nicht auf den Schaden

Das Vegetationsgutachten oder landläufig Verbissgutachten genannt, wird durchaus kritisch gesehen. Die verbissenen Pflanzen als Maßstab zu nehmen und sich nicht an denjenigen zu orientieren, die gut wachsen, ist vielen nicht verständlich. Deshalb wird das Gutachten oft auch als „Negativgutachten“ bezeichnet. „Entscheidend für den Nachwuchs im Wald ist das, was an jungen Bäumen nachwächst.“ so hat es auch der ehemalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner immer wieder betont.

Seit 30 Jahren wird das Gutachten durchgeführt und die Ergebnisse werden alle drei Jahre als ungenügend dargestellt. Gerade die Ergebnisse aus dem Bergwald zeigen, die ständige Abschusserhöhung nutzt nichts, im Gegenteil, zu hoher Jagddruck fördert den Verbiss. Der Wald wächst übrigens trotz 30 Jahre schlechter Ergebnisse im Vegetationsgutachten, so gut wie seit langem nicht. Dies kann im Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft nachgelesen werden.

Kritisiert wird beispielsweise, dass der unerhebliche Seitentriebverbiss bei der Aufnahme dem Gesamtverbiss und den Fegeschäden zugeschlagen wird.

Auch das statistische Verfahren wird angezweifelt, wird doch für die Pflanzendichten der Medianwert und für die Verbissprozente der Mittelwert berechnet. In den meisten Fällen liegt der Medianwert deutlich unter dem arithmetischen Mittelwert.

Wie zu erwarten war, wurde an der Systematik des Verbissgutachtens für das Jahr 2018 absolut nichts geändert. Die Verbesserungsvorschläge zur Abmilderung eklatanter Mängel bei Aufnahme und Auswertung der „Verbissaufnahmen“, die eine Arbeitsgruppe in zahlreichen Sitzungen erarbeitet hatte, wurden vom Bauernverband, Waldbesitzerverband und anderen Naturnutzerverbänden ohne jegliche Begründung abgelehnt.

Zu hören war „die Systematik werde nicht verändert um nicht die Vergleichbarkeit mit früheren Ergebnissen zu gefährden“. Diese Argumentation entbehrt jeder Grundlage. „Ich mache etwas weiter falsch – nur um eine statistische Vergleichbarkeit gerecht zu werden?!“, kritisieren die beiden Jägervorstände Albert Reiner und Robert Oberfrank.

 

Insgesamt ist auch festzuhalten, dass der Verbiss nur ein Einflussfaktor ist. So beeinflussen doch der Klimawandel, die Sommertrockenheit, die Zunahme an Schädlingen im Wald und auch waldbauliche Fehler das Wachstum der Bäume. „Die Jäger sehen sich immer mehr als Anwalt der Wildtiere“, so Albert Reiner. „Tiere im Wald werden immer Bäumchen äsen, sie gehören zum Nahrungsspektrum des Wildes. Das heißt, so lange es Rehwild gibt, wird es immer einen gewissen Grad an Verbiss geben“, ergänzt Robert Oberfrank.

Ein Großteil des Verbisses wird aber auch durch uns Menschen provoziert

Insbesondere klagen die Jäger des Jagdverbandes Donauwörth über den immer mehr zunehmenden Freizeitdruck. Erholungssuchende, Pilzsucher, Walker, Jogger, Mountainbiker u.v.a.m. – vielfach stören diese – insbesondere in Dämmerungs- und Nachtzeiten und darüber hinaus noch bei Verlassen der Wege, das natürliche Verhalten unserer Wildtiere. Auch Hundebesitzer, die ihren Hund frei laufen lassen, stehen hier im Fokus der Kritik. In solchen Revieren ist feststellbar, dass das Rehwild nur sehr spät seinen Einstand verlässt, sich sehr nervös verhält, immer wieder nach allen Seiten sichert und dadurch auch im Wald der Verbiss durch diese Stresssituation steigt. Auch die Land- und Forstwirtschaft, die ihren Aktionszeitraum immer mehr ausdehnt trägt zur Verbisserhöhung bei.

 

Das fordern die Jäger:

Die Jägervorstände Albert Reiner und Robert Oberfrank fordern weniger Ideologie beim Blick auf die  Ergebnisse des Forstlichen Gutachtens: „Wir wollen das Vegetationsgutachten nicht abschaffen, aber wir wollen keine pauschale Verurteilung und wir wollen, dass das, was die Jäger draußen für die Waldbesitzer leisten, auch anerkannt wird“. Die Tiere des Waldes sind, so Jägervorsitzender Oberfrank weiter, ein wichtiger Teil der Natur und müssen auch als solcher wertgeschätzt und nicht nur als Schädlinge gesehen werden. Albert Reiner führt weiter aus: „Natur ist nicht teilbar und ist für uns alle da. Deshalb wünschen wir uns, dass beim forstlichen Gutachten endlich das zählt, was letztlich durchkommt und das hiebreife Alter erreicht. Denn das ist unser zukünftiger Wald.“ Dass das Reh von der Deutschen Wildtierstiftung zum Tier des Jahres 2019 ernannt wurde ist bemerkens- und begrüßenswert. Das Reh – das Wildtier – das wirklich jedes Kind kennt. Ein Wildtier auf das wir stolz sein sollten und das wir nicht als Schädling verurteilen sollten.